Journal

1. Februar 2021

LESEPROBE HORROR VACUI – DICHTER AM ABGRUND

Eine kleine Leseprobe aus dem neuen Buch.
Viel Vergnügen!

In der ersten Auflage dieses Buches hatte Stille der Nacht keinen Kommentar. Warum eigentlich? Ich bin ein großer Freund dieses Stücks und speziell des Textes.

Er ist in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes für mich. Zum einen ist der Text einer der ganz wenigen, bei dessen Entstehung ich nicht alleine war. Denn ich brauche für meine Kritzeleien immer Ruhe und muss dabei ungestört arbeiten können. Ich werde normalerweise nervös und unkonzentriert, wenn sich jemand im selben Raum oder sogar in derselben Wohnung aufhält. Die nötige Ruhe allerdings, die fehlte mir in dem Hochsommer, als ich Stille der Nacht schrieb, nein eigentlich ein Tiefsommer*, denn ich hatte ein Tief, weil ich nicht ungestört arbeiten konnte. Im Winter hatte ich einige Notizen zu der Geschichte gemacht, es war aber Sommer, als ich diese zum Liedtext ausarbeitete. Vielleicht war es so heiß, dass ich mir den Winter herbeisehnte? Ich weiß es nicht mehr. Sicher jedoch sehnte ich mir die Stille herbei, denn die kleine Wohnung, in der ich damals hauste, bot zu dieser Zeit den obligatorischen Baulärm, der in Großstädten immer irgendwo in deiner Nähe zu entstehen droht, sobald der erste Sonnenstrahl und mit ihm die Scharen von eifrigen Gerüstdänglern, Fassadenaufbohrern und Pressluftpochern** einfallen, um sich an den stets reparaturbedürftigen Behausungen der Nachbarn zu schaffen zu machen. Ich suchte Asyl und fand es im Arbeitszimmer meines besten Kumpels Pit Hammann. Während er seinem Tagwerk nachging, textete ich vor mich hin, und das zeigt zum einen, dass wir ziemlich dicke Freunde waren (und es heute übrigens immer noch sind), denn trotz der Anwesenheit einer anderen Person ist der Text was geworden, finde ich. Zum anderen zeigt es, dass man im Sommer den Winter erschaffen kann, wenn man sich nur darauf einlässt. Das ist dann wohl eine Art Baulärm-Hitze-Eska-Voyagismus***.

In jüngster Zeit singe ich den Text ein wenig anders als in der Ursprungsversion, wozu mich ein anderer alter Freund direkt beglückwünschte, Bassisten-Held Tossi. Ich ersetze die „Wölfe“ im Mittelteil durch „Menschen“. Warum ist mir das nicht gleich damals eingefallen? Ich finde es so viel, viel, viel gruseliger! Außerdem muss ich zugeben: Ich bin zwar ein ziemlicher Fan von der ganzen Werwolf-Idee (obwohl es im Gesamtvergleich der produzierten Menge an Geschichten nur wenige richtig gute Storys gibt, wie ich finde), womit ich ein Klischee eines Gothic-Fans und Schaueroman-Liebhabers bediene****. Aber der Wolf an sich, und das wissen Sie, lieber Leser, ganz sicher, genießt einen miesen Ruf, weil wir Menschen zu doof sind, unsere Ur-Ängste zu beherrschen, und weil wir Artenvielfalt stets wirtschaftlichen Interessen unterordnen. Und da wollte ich nicht noch dazu beitragen. Wölfe sind vermutlich sozialere Wesen als wir. Und wenn ich mit den Worten Plautus’ den Menschen als des Menschen Wolf bezeichne, so ist das – genau wie in meinen Geschichten – stets ein Sinnbild, eine Metapher, die dem Tier Wolf gegenüber in keiner Weise fair ist und immer einen „zum Tier“ gewordenen Menschen bezeichnet. Verzeihen Sie mir also, dass ich hier eine kleine Änderung vornehme, wenn ich das schöne Lied vortrage.

Ernst beiseite, denn es gibt noch einen kleinen Insider-Scherz, den ich Ihnen heute verrate. Seit Jahren beömmeln wir uns intern über ein Formatierungsproblem, welches dafür sorgte, dass der Untertitel bei uns als „Weihnachtsmöhrchen“ auftauchte, was eher an Leporidae denken lässt als an Canis lupus. Oder um es mit der Fortführung in Lykanthropie zu sagen: „Bleib nur hier, lass mich kurz deinen Hasen massiern!“


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<font size="2">* Eigentlich sind alle Sommer Tiefsommer für mich, denn ich kann Hitze nicht ausstehen. Ich&nbsp;werde dumm wie ein Pratchett’scher Troll, wenn es zu heiß ist.</font>
<br><font size="2">** So nennt man die im Fachjargon der Profis.</font>
<br><font size="2">&nbsp;***So nennt man die im Fachjargon der Profis.</font>
<br><font size="2">&nbsp;****Genauso wie mit der Abneigung gegen Hochsommer.</font>