Journal

16. September 2021

Wie Papierflieger in einem Wirbelsturm

Die Idee, einen Song gemeinsam mit Two Minds Collide zu verwirklichen, entstand während der Vorbereitungen zur Kosmonautilus-Tour im Januar und Februar 2020, auf welcher uns die Dark-Rocker aus dem Saarland als Special Guest begleiteten. Hätten wir damals gewusst, für welch grauenhaft lange Zeit das die letzte Tour sein sollte, wir hätten jedes Konzert vielleicht noch ein wenig heftiger gefeiert, als wir es ohnehin schon getan haben und als wir es sowieso immer tun. Welch ein Glück hatten wir, dass wir von dieser wundervollen Konzertreise so lange zehren durften. So ging es natürlich auch den Jungs von 2MC, mit denen wir uns wirklich prächtig verstanden haben.

Für Lias Schwarz war es ja schon die vierte Tour, die er in unserem Tourtross mitgereist ist. Zweimal mit Spielbann, einmal als dritter im Bunde des Überraschungs-Supports (und „Europe’s finest ASP-Cover-Band“) The Little Big Men auf der Pentagrammophon 20 Jahre ASP Party und schließlich mit seiner Band Two Minds Collide. Wir kennen uns also schon eine ganze Weile, und Songs haben wir auch schon gemeinsam gemacht.
Nichtsdestotrotz erzeugt all dies noch keine Selbstverständlichkeit, wenn man eines seiner „Songkinderchen“ in die Hände eines andern gibt. Dazu gehört, wie schon mehrfach erwähnt, für mich eine ganze Menge Vertrauen.

Vor allem wenn es um solch emotional aufrüttelnde Themen geht. Als ich den Text zum Song schrieb, konnte ich noch nicht ahnen, wie lange das Gefühl des Ausgeliefertseins, der Eindruck, vom Schicksal gnadenlos und ohne Einfluss auf den Ausgang durch die eigene Geschichte gewirbelt zu werden, in den Monaten danach anhalten und alles überschatten sollte.

So empfanden sicher viele Menschen die Unsicherheit während der Corona-Pandemie, das Gefühl, seine Geschicke nicht wie gewohnt lenken zu können.

Bei uns Musikern war das sehr extrem der Fall, und es kam mir außerdem auch so gar nicht zupass.

Dabei war es während des gesamten Songwriting-Prozesses für „ENDLiCH!“ das erklärte Ziel gewesen, dieses alles beherrschende Lebensgefühl gezielt auszuschließen, da es partout nicht mit dem für das Album geplante emotionale Spektrum zusammenpassen wollte. Schließlich waren die beiden Vorgängeralben „zutiefst“ und „Kosmonautilus“ sehr stark auf das Innenleben konzentriert gewesen, auf Isolation und das zu erforschende Ich des Hörers. Ganz anders sollte und müsste aber „ENDLiCH!“ klingen, wusste ich. Hier sollte es um eine klangliche Manifestation des erneuten Aufbrechens, den letzten Abschnitt einer gnadenlos intensiven Reise, voller äußerer Einflüsse, äußerer Impulse, die auf uns einwirken, gehen … also genau das, was wir über viele Monate unfreiwillig vermissen mussten.

Umso mehr wurde vielleicht nun „Age of the Hurricanes“ das Ventil für diese große Unsicherheit, die mich die meiste Zeit des Jahres 2020 im Griff hatte.
Entsprechend war es ein großer Vertrauensbeweis, jemandem diese geballte Ladung an in musikalische Ideen gegossenem Gefühlschaos in die Hand zu drücken, der nicht der erklärte Produzent meines Vertrauens ist und Lutz heißt. Aber Li hat einen phantastischen, direkten Zugang zu diesem Thema gefunden – und es hat dann einfach gepasst.

Ich finde, es ist eine ganz, ganz große Nummer geworden, und ich hoffe, dass es vielen Menschen, denen das im Song beschriebene Lebensgefühl nicht vollends fremd ist, Trost und einen positiven Impuls zu schenken vermag. Großes Kino mit zerbrechlichen Figuren.

Das Ergebnis gefällt mir in der Tat so gut, dass ich diesem Thema sogar eine der ganz speziellen Supporters Editionen gewidmet habe, obwohl „Age of the Hurricanes“ keiner der Album-Songs ist, sondern – ingroßenAnführungszeichen – „nur“ ein Bonustrack. Aber das war auch ein Grund, warum ich mich von Trisol habe überzeugen lassen, dass unsere kleinste Album-Version die drei Asp/ASP-Kooperationen mit beinhalten soll. So kam die Standard-Edition (nochmal die ganzgroßenAnführungszeichen) zu ihrer dritten CD.

Lias und ich haben einen sehr spaßigen Abend gemeinsam verbracht, als wir die noch ungefalteten Papierflieger gemeinsam signiert haben. Und an diesem Abend haben wir auch die Entscheidung getroffen, dass er (Li, nicht der Papierflieger) in Zukunft bei ASP in der Liveband spielen und singen wird.

Dass unsere Stimmen gut zusammen klingen werden, davon kann man sich schon ab 26. November überzeugen, wenn „Age of the Hurricanes“ durch eure Wohnungen wirbeln wird.

Kompliment! Es ist ein waschechter Two Minds Collide-Song und genauso ein höchst aspiges ASP-Stück. 

Und irgendwie werde ich nun das Gefühl nicht los, dass zwei der unzähligen, umherschwirrenden Papierflieger (oder Origami-Kraniche?) am Ende doch auf einen ganz bestimmten, schicksalhaften Punkt zugesteuert und am Ziel angekommen sind.
Ich glaube nicht an Fügung. Aber dafür fügt sich doch alles ganz wunderbar.